Meine Kindheit als TV-Junkie - die Schuld der USA?

9. Januar 2009 von shoggoth | Abgelegt unter Medien, USA, Vermischtes

Ich wundere mich manchmal über die Entwicklung, die man als Mensch so durchmacht.

Z.B. meine Mediengewohnheiten. Heutzutage schaue ich kaum noch TV, dabei war ich als Kind und Jugendlicher geradezu ein TV-Junkie.

In den frühen 70ern in Wiesbaden geboren, wohnten wir nah an einer US-Kaserne und meine Eltern waren so weitsichtig, ihren Fernseher für NTSC nachrüsten zu lassen - so habe ich wohl schon mit 3 Jahren oder früher AFN geschaut - dem Sender der amerikanischen Streitkräfte. AFN hatte das coolste aller Programme - nämlich alles, was in den USA gerade beliebt war.

Die heutige Regelung kenne ich natürlich nicht, aber damals haben alle US-Sender den amerikanischen Streitkräften die Sendungen voll und kostenlos überlassen. AFN durfte dafür nur keine bezahlte Werbung senden…was die Macher natürlich mit Werbungen für die Streitkräfte kompensierten. Es waren herrliche Kindertage: man schaute die amerikansiche Sesamstraße, die schon damals neben englisch auch spanische Elemente enthielt (wenn auch wirklich nur Worte, aber Ihrer Zeit vorraus waren diese Damen und Herren wirklich) und wenn in den USA eben der Werbeblock eingeblendet worden wäre, kam die Werbung von AFN (ich glaube nicht, dass alle oder auch nur einer der genannten Sprüche aus den 70ern ist, aber die hier genannten haben sich eben bei mir eingeprägt) :

Army: Be all you can be - build your future in the Army

Navy: Move up, not out - stay Navy.

Air Force: Aim high - Air Force

Marines (mein absoluter Liebling): The few, the proud, the Marines.

Unterlegt war das alles natürlich mit 1a Musik, tollen Bildern und einer entsprechenden Erzählerstimme. Wüsste gerne wie viele “Freiwillige” AFN so produziert hat….

Aber eigentlich wollte ich ja meine Mediennutzung reflektieren: Ich stand Samstags z.B. morgens um 5 oder 6 auf, ging ins Wohnzimmer und machte den Fernseher an. Wenn wir Besuch hatten, der im Wohnzimmer übernachtete, hatte der einfach Pech - da kannte ich keine Gnade, zumal meine Eltern irgendwie große Gastgeber waren trotz einer 2 und später 3-Zimmer-Wohnung. Wir hatten eigentlich fast jedes Wochenende irgendeinen Besuch.

Ich glaube gegen 6 ging es wirklich los….mit Cartoons der alten Schule - also Warner-Brothers (Bugs Bunny, Duffy Duck und wie die wohl alle hiessen). Mein absoluter Favorit war Bugs - ein unfassbar cooler Typ mit dem coolsten Spruch der US Cartoon-welt: Whats up, doc?

Allein das, was man heute als Jingle oder Erkennungsmelodie von WarnerBrothers bezeichnen würde, hat mir schon die Mundwinkel gen Ohren gezogen:

Ich weiss nicht wie lange ich daran nicht mehr gedacht habe und wie lange es her ist, dass ich Fudd gesehen, gehört oder auch nur bedacht habe…

Gegen 8 oder so fingen dann die eher “modernen” Cartoons an - meistens irgendwelche Sci-Fi Dinger mit Kämpfen, heldenhaften Figuren und Solches. Marvel-Filme, also Spiderman, Das Ding oder Hulk und andere waren ebenfalls ab 8 im Programm (und ich frage mich immer, wie meine Marvel-Manie zu Stande kommt)…gegen 9 müssten dann Sesemstraße und das Konkurrenzprodukt, Electric Company (oder so ähnlich), gelaufen sein - Letzere fand ich stets uncool und somit war der TV-Tag für mich rum - gegen halb 10. :-)

Die Sesamee-Street mit Big Bird (der es aus mir nicht bekannten Gründen nicht nach Deutschland geschafft hatte; deswegen und wegen weiteren fehlenden Figuren und “komischen Namen” hasste ich die dt. Sesamstr., weil die Figuren so anders waren) war ein Hammer. Ich habe englisch gelernt noch bevor ich 4 war…natürlich nicht alles und nicht gut - aber ich verstand verdammt viel und die Aussprache, der Grundstein für das Sprechen einer Sprache, wurde perfektioniert.

Sesameestreet war aber auch etwas besonderes, weil es mich mit Menschen wie Ray Charles, Stevie Wonder und vielen anderen amerikanischen Musikern zusammenbrachte. Die spielten dann coole Buchstabensongs oder zählten.

Dank YouTube kann ich das direkt teilen….Hammer wie wir damals alle aussahen: :)

Zählen? Count Dracula, in dt. wohl Graf Zahl, was…naja…eben eine Übersetzung ist - Count Dracula war so unfassbar witzig…er sprach immer mit diesem osteuropäischen Akzent englisch…herrlich.

Ich hasste es regelrecht, wenn ich bei Freunden war oder gar übernachtete, die deutschen Kindersachen zu schauen, die sich gegen die amerikanischen so lahm zeigten. Keine Action, keine Musiker von Klasse und erst Recht nicht die Cartoons.

AFN war eine tolle Zeit, die ich um  nicht missen möchte. Ich habe sicherlich auch einen Preis dafür bezahlt - wie etwa eine anfangs naive Einstellung zum Militär, den USA und TV sowieso - aber es war einfach Etwas, das ich in meiner frühen Kindheit nur für mich alleine hatte - ob im Kindergarten oder später Hort und Grundschule - AFN war kein Begriff und sprachlich auch nicht erfassbar. Das war eben mein besonderer Hort.

In meinen späteren Jahren achtete ich immer darauf, NTSC taugliche TVs zu haben - früher was das nur eine Nachrüstung, mit der man dann AFN schwarz-weiss sehen konnte, aber als die ersten Multisystemfernseher auf dem Markt waren, wusste ich, was ich wollte. AFN in Farbe war für mich dann nochmal sowas wie es eigentlich nur ältere Jahrgänge (ja, es gibt noch Ältere als mich) kennen - eine Epochenwende.

Später zehrte ich auch davon, dass man vor dem Bombenanschlag in Berlin in US-Kasernen und Läden ein und aus gehen konnte - und besorgte mir so die Videothekenkarte (ich hatte natürlich immer meine ID-Card vergessen, aber keiner hätte je angenommen, dass ich kein Ami-Balg bin). Das war später in meiner Teeniezeit - und es war ein besonderes Vergnügen immer die Filme auszuleihen, die in Deutschland indiziert waren und somit gar nicht auf den Markt kamen.

Die Bombenleger dieser Discothek in Berlin, deren Name mir nicht mehr einfallen will, machten die Sache dann leider schwieriger, da die Kontrollen extrem verschärft wurden. Aber das ist nun wieder ein anderes Thema…

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