Wahlkampf im Internet - oder der hessische Obama?
Der hessische SPD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt bzw. der Frontmann der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, den ich ab jetzt mit TSG ankürze, weil seine Anhänger das machen und der Name eben irgendwie lang erscheint, hat sich (wohl von seiner Agentur) dem Internet angeboten.
Von Twitter bis YouTube wird alles genutzt.
Macht es Sinn? Ich glaube nicht.
Da wäre zum Einen die Reichweite des Internet in Deutschland und die wahlkampftechnische Qualität des erreichbaren Publikums:
Zum Einen ist Deutschland eben nicht die USA - während in den USA neue Technologien von der Gesellschaft relativ schnell aufgenommen werden und somit auch genutzt werden, neigen wir in Deutschland zu einem etwas zögernden Verhalten bei neuen Technologien. Das hat seine Vor- und Nachteile, aber so sind wir eben.
Dementsprechend werden Blogs z.B. eben nicht von einer auch nur annähernd repräsentativen Gruppe der Wählerschaft gelesen - in den USA ist das aber schon anders. Achtung: Ich spreche nicht von der Gesamtbevölkerung in den USA, sondern von der tatsächlich aktiven Wählerschaft.
In Deutschland werden Blogs immernoch hauptsächlich von Menschen gelesen, die selber in der IT oder der Werbebranche tätig sind. Die Teile der Wählerschaft, die z.B. bei Opel schaffen, beim Metzger oder im Supermarkt und wählen gehen sind krass unterrepräsentiert.
Ein Indiz dafür ist auf jeden Fall, dass in D bisher “nur” Blogs erfolgreich sind, die sehr technikaffin, sehr Werbe- bzw. Marketing affin oder zumindest von einer teils journalistisch/sprachlich motivierten “Elite” wie spreeblick etwa diese Affinitäten transportieren bzw. wenigstens sehr technikfreundlich sind.
Dabei sind diese technikaffinen Leser der größeren Blogs in Ihrer Mehrheit durchaus politisch - aber ob Sie im Bereich der politischen Meinungsbildung eine “Meinungsführerschaft” darstellen, bleibt zu bezweifeln.
Ohne zumindest Meinungsführer zu erreichen, bleibt aber z.B. ein Blog im Sinne des politischen Wahlkampfes ein sehr stumpfes Mittel - etwa so hilfreich wie ein Aufkleber auf allen bayrischen Bussen bei einer hessischen Wahl.
Die erreichbare Zielgruppe:
Mit den mir bisher begegneten Mitteln, also YouTube, Twitter und wahrscheinlich eben ein Blog, erreicht TSG meiner Meinung nach nicht wirklich viele potentielle SPD-Wähler, die nicht ohnehin SPD gewählt hätten.
Zum Einen behaupte ich, dass die Zusammensetzung der Internetleserschaft / Internetnutzer in Deutschland, die überhaupt wählen dürfen, sowohl liberale (ob nun FDP-liberal oder wirklich) als auch konservative (ich entschuldige mich für die Worthülse, das ist aber ein anderes Thema) Gruppen überrepräsentiert, da die einzelnen Individuen dieser Gruppen eher zu den Frühannehmern neuer Technologien gehören als die klassische SPD-Wählerschaft.
Dazu ist der Alterssausschnitt der Gesellschaft, die im Internet zu finden ist, ebenfalls bedenklich. Ältere sind eher unterrepräsentiert bzw. sind die Älteren, die sich im Netz tummeln eher technikaffin und relativ vermögend, während die Mehrheit der Bevölkerung dieses Alterabschnitts genau das Gegenteil repräsentiert.
Zum Anderen gibt es bei der der SPD potentiell zugeneigten, klassischen Wählerschaft eben die Herausforderung, dass Bildung wie auch das relative Vermögen/Einkommen eher unterrepräsentiert sind und Teile noch von der Politk der Schröder-Ära verschreckt bis vergrätzt ist. Diese erreicht man aber eben nicht mit Twitter, YouTube - bestenfalls über WKW oder klassische Portale wie T-Online (wie auch immer die heutzutage heissen), AOL (gibts die noch?) und ähnliche Sammler von relativen Neuzugängen/Unerfahrenen im Netz. Alternativ könnte man noch über Werbung bei den gr. Portalen nachdenken oder direkt bei Google, das für viele Nutzer ja eine Startseite des Internet geworden ist und so die Portale wie die der T oder AOL abzulösen scheint. Wahrscheinlich wäre aber eine Investition in einer in Hessen erreichbare n Soap wie etwa die RTL und ARD Sendungen am Vorabend oder Ähnliches erheblich zielführender als die jetzigen Ausgaben und Anstrengungen im Internet. Es sei denn - naja - TSG plant tatsächlich eine Karriere im Bundesgebiet.
Also erreicht TSG mit seiner Kampagne zielführend höchstens diejenigen, die ohnehin SPD gewählt hätten oder im allerbesten Fall solche, die sich mit aus welchen Gründen auch immer (Ypsilanti-Debakel oder Enttäuschung über Bundespolitik) mit einer Wahl der Gründen oder der Linken beschäftigen. Mehr aber nicht.
Den so geliebten Unentschlossenen wird er schwer weiterhelfen mit seinem Aktionen im Netz.
Und dann bleibt noch das Problem der Authentizität:
Wenn man wie TSG kurz vor einer Wahl beginnt, das Internet für sich zu nutzen, bleibt ein schaler Beigeschmack, da es die beratende/begleitende Agentur ist, die das zu Recht ersonnen hat - nur eben übersehen hat, dass im Internet ein schneller, nicht unbedingt voll durchdachter Wurf einen Bumerang-Effekt hervorrufen kann.
Da eine sehr geringe Wählerbeteiligung zu erwarten ist, wird es sicherlich schwer sein, einen Erfolg oder Mißerfolg dieser Strategie nachzuweisen.
Letzendlich kann man sich ggf. als Internet-Nutzer nur freuen, dass zumindest der Anfang gemacht wurde und sich mal umschauen, was denn der Bundestag, die EU und das eigene Bundesland eigentlich an brauchbarer politischer Information, sei es von Kandidaten, Parlamentariern, der Exekutive oder Ausschüssen anzubieten haben.
Die Strategie, Auswahl der Mittel und Art der Nutzung von TSG im Netz und im Hinblick auf die hessischen Wahlen halte ich aber für verfehlt. Allerdings nicht wie in “sechs, setzen”, sondern eher wie in “nächstes Mal andere Berater suchen und diesmal gut lernen”.
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3 Kommentare zu “Wahlkampf im Internet - oder der hessische Obama?”.
Als einer der verantwortlichen Berater von TSG und der SPD in Hessen was den Online-Wahlkampf angeht hier ein Link auf die Internet-Strukturdaten der Forschungsgruppe Wahlen:
http://www.forschungsgruppe.de/_/PM_Strukturdaten/
Erkennbar ist, dass man über das Netz nicht nur junge Liberale und heranwachsende Konservative erreichen kann. Bei unseren Youtube-Videos wissen wir, dass die Altersgruppe 45 bis 55 am stärksten vertreten ist und nur die über 65-jährigen unterdurchschnittlich.
Da über die innovativeren Formen der Netznutzung von TSG auch in den klassischen Medien informiert wird, hat das Engagement auch eine Breitenwirkung.
Ob es zu einem Unterschied im Ergebnis beiträgt, können wir nur erahnen, aber wohl kaum messen. Höchstens an Zahlen wie z.B. registrierten Unterstützern, Neumitgliedern oder Spendeneinnahmen. Dazu kann und darf ich aber aktuell noch nichts sagen.
Hallo Herr Zeisberger,
Mea Culpa.
Ich bin beeindruckt - ob Ihrer freundlichen Reaktion wie auch Ihrer Schnelligkeit. Mein Blog ist ja eigentlich noch gar nicht fertig und ich gestehe, dass ein Artikel in Bearbeitung ist, der “Wie man sich irren kann - oder wie TSG mich eines besseren belehrte”.
Auch die angeblich erst neuerliche Nutzung des Netzes durch TSG war eine fälschliche Annahme. Das zumindest habe ich bereits korrigiert.
Die von Ihnen genannten Quellen und Daten kommen mir da sehr recht für einen weiteren, etwas besser recherchierten Artikel…
Der 4te Artikel und eine Erfahrung mehr. Vielen Dank!
Immer gerne. Sprechen Sie mich an, wenn es Fragen gibt.
Mailadresse haben Sie ja jetzt.
Viel Erfolg fürs Blog!